29. Juli 2020 - 07:29 Uhr

Aufstieg der Schatten - Sehr lange deutsche Leseprobe aus dem Roman!

Zwar wurde "Shadows Rising"  bereits vor knapp zwei Wochen veröffentlicht, doch die deutsche Variante des neusten World of Warcraft-Romans - "Aufstieg der Schatten" - erscheint erst am 25. August 2020. Nachdem es bereits allerlei Auszüge und Leseproben aus der englischen Version des Buchs gab, wurde nun auch endlich ein deutscher Auszug veröffentlicht und dieser ist tatsächlich ziemlich lang. Wir dürfen einen Blick in den Prolog des Romans werfen und während die Einleitung für die Horde bereits als englische Version zur Verfügung stand, ist der Teil der Allianz komplett neu. Also eine kleine Überraschung für uns deutsche Fans. Viel Spaß beim Durchlesen!

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Die Leseprobe

Prolog

Westfall

Anduin Wrynn ritt, als säßen ihm tausend heulende Diener der Leere im Nacken. Am Himmel über ihm grollte der Donner, unter ihm trommelten die Hufe seines Pferdes hart auf den Boden, während es ihn über die verwundeten Ebenen von Westfall trug. Außer seinem loyalen Freund, dem Meisterspion, war niemand hinter ihm, doch das war unwichtig. Die Dunkelheit leckte nach seinen Fersen, und er würde alles tun, damit sie ihn nicht einholte. Zumindest im Moment. Zumindest für einen Moment. "Sire! Sire! Verdammt, mein Pferd verliert gleich ein Hufeisen!" Mathias Shaws Stimme übertönte das Grollen am Himmel und den Lärm der Pferde. Anduin ignorierte ihn und schnalzte mit der Zunge, um Andacht noch weiter anzutreiben. Schneller, immer schneller. Er durfte nicht an Geschwindigkeit verlieren, ganz gleich, weswegen.

n der Ferne erhob sich ein Turm aus Trümmern und Energie wie ein kristallener Dorn aus den sanften Hügeln des Weidelands. Anduin konnte die Augen nicht davon abwenden, während sich die Wolken zusammenzogen und näher heranwallten, um das Land in ihre Schatten zu tauchen. Er wusste noch, einst hatte er es für unmöglich gehalten, dass sich Westfall so dramatisch verändern könnte, aber dann hatte der Kataklysmus hier gewütet, und er hatte keine Rücksicht auf die Nostalgie eines jungen Mannes genommen. Nun erschien ihm seine Kindheit - 12 die Erinnerungen, die er in seinem Herzen trug - in einem völlig anderen Licht. Damals war er ein unschuldiger Junge gewesen, doch inzwischen war er geschärft wie eine Klinge. Jener unschuldige Junge hatte geglaubt, dass manche Dinge sich nie verändern würden; jetzt wusste er, wie kindisch solche Vorstellungen waren. Nichts währte ewig. Jede Stadt konnte zerbröckeln, gleichzeitig konnte jeder Feind aber auch zu einem Verbündeten werden, ja sogar zu einem Freund. Zynismus barg schließlich auch nicht mehr Weisheit als Optimismus.

"Sire!" Nun gab er doch nach und zog sanft an Andachts Zügeln. Das anmutige weiße Pferd bremste zu einem leichten Galopp ab, sodass der Meisterspion aufschließen und mit Anduin Schritt halten konnte. "Verzeiht", seufzte Anduin, während er das Haar zurückstrich, das ihm verschwitzt und störend vor die Augen gefallen war. "Das muss ein anstrengender Ritt für Eure alten Knochen gewesen sein." "Ihr hattet nicht erwähnt, dass das ein Rennen ist", brummte Shaw. Trotz Anduins Stichelei war der ältere Mann nicht einmal außer Atem. Das Leben hatte seine Spuren an ihm hinterlassen, aber er war noch immer kräftig und gerissen. "Hätte ich im Voraus Bescheid gewusst, würdet Ihr jetzt meinen Staub schlucken, Euer Majestät." "Ach ja?" Anduin drehte sein Pferd, sodass es dem dichten Wald von Elwynn zugewandt war, jenseits des Flusses hinter ihnen. "Wollen wir doch einmal sehen ..." "Vielleicht möchtet Ihr mir erst einmal verraten, warum Ihr heute wie ein Besessener reitet.

Dass Ihr abgeworfen werdet und Euch das königliche Genick brecht, ist so ziemlich das Letzte, was wir jetzt brauchen." Shaw hatte eine schroffe Art an sich, und seine Stimme war nicht weniger harsch; sie klang so rau, als würde er jeden Morgen Sägemehl gurgeln. Aber für Anduin hatte diese barsche, direkte Art auch etwas Tröstliches. Die meisten bei Hofe verbeug- 13 ten sich in der Anwesenheit des Königs und krochen auf den Knien herum - Shaw hingegen sagte immer geradeheraus, was er dachte. Die Wolken über ihnen ballten sich zusammen und drohten ihnen mit einem Regenguss, aber Anduin ignorierte die Vorzeichen und sprang mit der Leichtfüßigkeit eines geübten Reiters aus dem Sattel. Andacht wirkte unruhig und warf seine lange weiße Mähne von einer Seite auf die andere, während er mit den Zähnen knirschte. Der König ging zum Kopf des Pferdes, nahm ein paar Apfelscheiben aus der Tasche und hielt sie seinem Reittier hin. Ah. Die Trense war verrutscht. Das Pferd schmiegte seine warme, weiche Nase an Anduins Schulter, während er das Zaumzeug zurechtrückte, anschließend lehnte er seine Stirn gegen den Fleck zwischen Andachts Augen.

"Weißt du, als ich sehr jung war und gerade das Reiten lernte, da nahm mein Vater mich mit zu den Ställen und gab mir mein erstes Pony. Ein Schecke. Sanft. Dreizehn Handspannen lang. Und ich fragte meinen Vater, warum man die Länge von Pferden in Handspannen misst." Die verblasste Erinnerung entlockte Anduin ein schmales Lächeln. "Er grinste nur und sagte, er wüsste es nicht. Dann fuhr er den Stallburschen an, ob er es denn wisse. Aber niemand konnte die Frage beantworten. Ich glaube, der Stallbursche hat sich eingenässt, so beschämt war er - der arme Bursche war ja kaum älter als ich. Marvin war sein Name, wenn ich mich recht entsinne." Shaw saß noch immer im Sattel. Jetzt trat plötzlich ein abwesender Ausdruck auf seine Züge. "Den Jungen kannte ich nicht." Aber Anduin wusste, dass Shaw etwas zurückhielt.

Bestimmt hatte er Marvin gekannt, und dem Jungen war irgendetwas zugestoßen – gestorben in irgendeinem Krieg, entweder durch die Axt eines Orcs oder die vergiftete Klinge eines Verlassenen. Oder sein Haus war während des Kataklysmus eingestürzt, und der Boden hatte ihn verschlungen. Anduin verdrängte den bitteren Gedanken. „Ich war schockiert. Mein Vater, der König von Sturmwind, hatte gerade vor 14 einem Diener seine Unwissenheit zugegeben. Darauf wies ich ihn dann auch hin. Und weißt du, was er gesagt hat?“ Shaw schüttelte den Kopf. „Er sagte: Nur ein Narr glaubt, er wäre in allen Belangen ein Experte. Der weise Mann steht zu seiner Beschränktheit und versucht, mehr zu lernen.“ Einen Moment lang schwiegen sie beide und lauschten dem Sturm, der über die Dolchhügel nach Norden wehte, direkt auf sie zu. „Ihm zu dienen, war nicht leicht, aber es war immer eine befriedigende Herausforderung.

Das kann man nicht von allen Herrschern behaupten.“ Anduin verzog das Gesicht. „Autsch.“ „Oh, Eurer Krone zu dienen, ist ebenfalls befriedigend, aber es ist auch … eine etwas größere Herausforderung“, erwiderte Shaw mit dem unmerklichen Anflug eines Lächelns. Mehr Gefühle gab der rätselhafte Meisterspion nie preis. „Zum Beispiel, wenn Ihr versucht, einer Frage auszuweichen.“ „Ich bin deiner Frage nicht ausgewichen, Shaw. Ich habe sie beantwortet.“ Anduin hielt Andachts Zügel locker mit der linken Hand, mit der Rechten deutete er auf den Wald und auf die Türme von Sturmwind, die sich in der dunstigen Ferne dahinter erhoben. „Ich bin mir meiner Beschränkungen wohl bewusst. Heute war … Es war …“ Anduin suchte vergeblich nach dem richtigen Wort. Schwierig? Nein, das reichte nicht. Schrecklich? Deprimierend? Erdrückend. Tyrande und Malfurion waren zum Weltenbaum geflohen, und all seine Schreiben an die beiden waren unbeantwortet geblieben. Also hatte er einen Boten losgeschickt, der an diesem Morgen wieder zurückgekehrt war – mit einem ungeöffneten Brief.

Der Mann hatte gezittert, umso mehr, als Anduin ihm auftrug, noch einmal zum Weltenbaum zu reisen und es erneut zu versuchen. Anduin suchte Trost in dem Gedanken, dass die Kluft zwischen Menschen und Nachtelfen überbrückt werden konnte, 15 aber die bloße Existenz dieser Kluft reichte aus, um ihn zu entmutigen. Sie sollten vereint stehen, Seite an Seite. Aber er konnte ihnen ihren Groll nicht verübeln. Wäre Sturmwind unter ihrer Herrschaft niedergebrannt, würde er ihnen dann einfach so – oder überhaupt – vergeben können?

Er war sich nicht sicher. Unmittelbar westlich von Saldeans Farm stieg eine Rauchwolke brodelnd in den Himmel auf. Den dazugehörigen Knall hätte man vielleicht für einen Donnerschlag halten können, wäre er nicht von dem unverkennbaren Geräusch zersplitternden Holzes begleitet gewesen. Und dem Schrei eines Mannes. „Was war das?“, murmelte Anduin. Er eilte in Richtung des Lärms und Rauchs los, und Shaw folgte ihm grummelnd. „Vorsicht“, mahnte der alte Spion. „Es könnte ein Hinterhalt sein.“ „Das sind meine Leute, meine Lande …“ „Das ändert nichts an den Tatsachen.“ Doch Anduin hatte in dem Schrei aus Richtung der Scheune Schmerz gehört, und er wollte nicht hilflos danebenstehen, wenn einer seiner Untertanen Qualen litt. Sie erreichten ein weites Feld, wo das Heu zu runden, mannshohen Ballen zusammengerollt war. Hühner stoben auseinander, als die beiden näher kamen und durch eine Lücke in einem kaputten Zaun auf das Feld schlüpften. Ihre Pferde ließen sie dort zurück, die Zügel der Tiere lose um die gezackten Pfosten gebunden. „War es vielleicht eine Explosion? Ich hoffe, niemand ist verletzt …“ Anduin beschleunigte seine Schritte, als die lauten Stimmen deutlicher und mehrstimmiger wurden.

Der Wind drehte und hüllte ihn und Shaw in den beißenden Rauch. Anduin wedelte mit der Hand vor seinem Gesicht und blinzelte zu den Überresten des Scheunendachs hoch, das in sich zusammengestürzt war. Davor waren drei Männer in eine hitzige Diskussion verstrickt. Einer von ihnen, der größte, trug kaum mehr als Fetzen; sein Haar war matt und schmutzig, und Splitter von der Explosion hingen in seinem Bart. Die beiden anderen Männer trugen die simple, selbst gewobene Kleidung von 16 Bauern, übersät von Flicken und Grasflecken. Ihre Gesichter waren ebenfalls von ihrer Arbeit gezeichnet. „Jago, du elender Volltrottel, ich sagte, du kannst deine Sachen in meiner Scheune unterstellen, nicht sie für deine verrückten Experimente benutzen!“ Nun, da sie näher heran waren und der Rauch sich lichtete, konnte Anduin erkennen, dass die beiden Bauern verwandt waren: Vater und Sohn, letzterer ein kleineres Ebenbild des ersteren, bis hin zum rötlichen Bart – nur mit weniger grauen Strähnen. Der ältere Bauer ging auf Jago los, die Hände geballt, bereit, zuzuschlagen. Das unverkennbare Geräusch von Stahl, der aus der Scheide glitt, ließ ihn innehalten.

Der Mann wirbelte herum, aber er sah sich nicht mit einer Klinge konfrontiert, sondern nur mit Mathias Shaws steinerner Miene. Das Schwert hatte seine Hülle nie verlassen; die Andeutung, dass es zum Einsatz kommen könnte, reichte, um dem Bauer zu denken zu geben. „Meine Herren“, sagte Anduin sanft, die Hände erhoben. „Gibt es hier ein Problem?“ „Er ist kein Herr!“, blaffte der Bauer. „Er ist ein lausiger Säufer, der meine Scheune benutzt, um seinen verfluchten Schnaps zu brennen. Seht Euch mein Dach an! Wie soll ich nur die Reparaturen bezahlen?“ Er brauchte einen Moment, um zu erkennen, mit wem er gerade sprach, und auch dann unternahm er lediglich einen halbherzigen Versuch, respektvoll das Haupt zu beugen. Sein Sohn hingegen wurde weiß wie ein Bettlaken. „Ich würde gerne auch seine Seite der Geschichte hören“, erklärte Anduin, wobei er sich zu Jago umwandte. Dessen einzige Reaktion bestand jedoch darin, laut und feucht vor seinem König auf den Boden zu spucken.

Das allein reichte schon aus, um den Mann beinahe vornüberkippen zu lassen. Sein Schluckauf war so laut, dass man ihn selbst im Schloss von Sturmwind noch hören musste, und nicht einmal der Geruch von verbranntem Holz und Alkohol konnte den verräterischen, säuerlichen Biergestank in seinem Atem überdecken. 17 „Da“, lallte Jago, den Finger auf seinen trocknenden Speichel gerichtet. „Das is’ meine Seite der Geschichte. Das is’ alles, was mir noch geblieben is’ auf dieser Welt. Meine Knochen, mein Blut und meine Spucke. Nichts … ich habe nichts mehr.“ Kurz weiteten sich seine Augen, und sein Gesicht unter der dicken Rußschicht färbte sich rot. „Nichts.“ Unbeholfen sprang er auf Anduin zu, dennoch war Shaw zur Stelle, um ihn abzufangen. Blitzschnell baute der Meisterspion sich vor seinem König auf, seine Waffe weiterhin halb gezogen, und seine freie Hand grub sich in die Schulter des Trunkenboldes. „Das würde ich bleiben lassen“, knurrte Shaw. „Tu es! Benutz dein Schwert“, zischte Jago. Über Shaws Schulter hinweg begegnete Anduin dem Blick aus den tränenverquollenen, blutunterlaufenen Augen des Mannes. Je länger er den Kerl betrachtete, desto vertrauter kam er ihm vor.

„Ich war da! Ich war da, als die Königin der Verlassenen sich gegen die Ihren wandte!“ Anduin erstarrte, während Jagos Beine unter ihm einknickten und er zu Boden sackte. Die versengten Ascheflocken in der Luft rieselten rings um ihn herab wie schwarzer Schnee. „Arathi … ich war dort. Ich bin hingegangen. Mein Wilmer. Er war da, und … Er war anders. Einer von ihnen, ganz verrottet und verdreht, aber immer noch Wilmer. Immer noch … immer noch der beste Kerl, den ich je gekannt und geliebt habe.“

Einmal mehr ergriff der Zorn Besitz von Jago, und er zischte, mit dem hochgereckten Finger auf Anduin deutend. „Du hättest sie aufhalten können. Du hättest sie retten können …“ Shaw drückte Jagos Hand sanft nach unten. „So spricht man nicht mit seinem König.“ „Meinem König? Mein König?“ Jago lachte schrill und halb irre. „Der is’ nich’ mein König. Höchstens der König der Narren.“ Anduin zwang sich zu einem ruhigen Tonfall, als er neben den Meisterspion trat. „Schon in Ordnung, Shaw.“ Er kniete sich hin und versuchte dabei das Zittern seiner Knie zu überspielen. Die 18 Erinnerung an jenen Tag, an sein damaliges Versagen, erfüllte ihn noch immer mit Scham. Er war in gutem Glauben in das Arathihochland gezogen, um die Kluft zu schließen, die sich zwischen jenen, die zu Verlassenen geworden waren, den Untoten, und den menschlichen Familienmitgliedern, die sie zurückgelassen hatten, aufgetan hatte. Die Zusammenführung hatte gut begonnen, aber dann … Dann hatte die Königin der Verlassenen – Sylvanas, nunmehr die meistgejagte Person in ganz Azeroth – ihre eigenen Leute ermordet und alle Mitglieder ihrer Fraktion abgeschlachtet, die sich für diese Wiedervereinigung entschieden hatten und bei ihren menschlichen Lieben bleiben wollten.

„Es tut mir leid, Jago“, sagte Anduin. „Ich …“ Jago schubste ihn hart zur Seite, dann kämpfte er sich auf die Füße hoch und rannte ein paar Schritte auf das Feld hinaus. Shaw wirbelte herum, um ihm nachzusetzen, aber wie sich herausstellte, war das gar nicht nötig: Jago fiel mit dem Gesicht voran in den Dreck, die Arme seitlich ausgebreitet, und landete wenige Fingerbreit von den spitzen Lederstiefeln von Alleria Windläufer entfernt. Anduin hatte nicht gehört, wie sie näher gekommen war, und es stand auch kein wartendes Pferd neben ihr; andererseits unternahm die Waldläuferin Reisen meist auf eher unkonventionelle Weise. Sie stieß den umgekippten Mann mit dem Stiefel an und zog die Schultern hoch. „Er atmet noch.“ „Was für eine Erleichterung“, kommentierte der Bauer trocken. Anduin erhob sich und ging entschlossen auf Alleria zu, während der Bauer Shaw zurückhielt, um sich weiter über sein zerstörtes Scheunendach zu beschweren. „Wie soll ich das nur bezahlen?

Jago hat nicht einmal ein Kupferstück im Säckel.“ „Sprich mit Hauptmann Danuvin“, wies Shaw ihn kühl an. „Er wird dir ein paar Burschen aus der Garnison schicken, um den Schaden zu reparieren.“ „Ja, ja“, brummte der Bauer. „Da bin ich ganz sicher …“ Anduin blieb dicht vor Jagos Füßen stehen und starrte Alleria über den ausgestreckten Körper des Trunkenboldes hinweg an. 19 „Du bist ja früh zurück“, sagte er atemlos. Er durfte Jago nicht ignorieren, jeder Untertan in seinem Reich war wichtig. Aber Allerias Erscheinen hatte ganz direkt mit Jagos Leid zu tun. Die Mörderin, die seinen Wilmer auf dem Gewissen hatte, musste schließlich gefunden und ihrer gerechten Strafe zugeführt werden. Alleria war auf eine dringende Mission entsandt worden – Sylvanas Windläufer aufzuspüren. Doch der König hatte nicht erwartet, sie so bald wiederzusehen.

Wilmers Tod war nur eines von Sylvanas’ unzähligen Verbrechen. Anduin nahm Alleria am Arm und führte sie von dem Feld fort, zurück zu ihren unruhigen Pferden. „Ich hoffe, es ist ein gutes Zeichen, dass du schon wieder hier bist“, sagte er. Alleria Windläufers anmutiges, blasses Gesicht war halb unter ihrer Kapuze verborgen, aber Anduin konnte ihre Enttäuschung deutlich an den zusammengepressten Lippen ablesen. Sie hielt die Augen zu Boden gerichtet, und auch ihre steife Haltung sprach Bände, als sie nebeneinander dahinschritten. „Nein“, wisperte Alleria. Dieses eine Wort reichte schon, um ihre Stimme vor Emotionen zittern zu lassen. Sie wirkte erschöpft, ausgezehrt, und die dunklen Ringe ließen ihre von der Leere berührten Augen nur umso heller schimmern. „Nein, mein König. Heute bringe ich Euch keine guten Nachrichten.“ Sie hatten die Zäune erreicht. Anduin schloss die Hand um einen der Pfähle und drückte zu, bis das alte, splittrige Holz knirschte. Er wollte es zerquetschen. Er wollte, dass es zerbrach. Eine Woge aus Zorn überkam ihn, und er schloss die Augen, als hätte er Angst davor, was sie Alleria preisgeben könnten.

Meine Schwester ist kein faules Wildschwein, das über die offenen Felder spaziert“, fuhr Alleria fort. Sie wich ein wenig von ihm zurück und verschränkte die Arme vor dem grün-goldenen Kürass, den sie unter ihrem Umhang trug. „Sie ist gerissen, und sie nutzt ihre dunklen Mächte, um sich im Verborgenen zu halten.“ „Und du bist die beste Jägerin, die ich kenne“, entgegnete 20 Anduin zwischen zusammengebissenen Zähnen hindurch. „Ich hätte nicht erwartet, dass du versagst. Schließlich kennst du sie besser als jeder andere, Alleria. Du warst unsere größte Hoffnung.“ Shaw trat wortlos zu ihnen, sein Blick auf die Elfe gerichtet. Einen Moment lang sagte keiner etwas; da war nur der Sturm, der den Wind aufpeitschte, während er sich weiter dem Grasland näherte. Eine kleine Herde Geiferzähne quiekte alarmiert und galoppierte von den Feldern fort. Über ihren Köpfen zog ein Greif hinweg, gewiss auf die Späherkuppe zu. Das Holz, das noch immer unter Anduins Griff knirschte, erbebte, und dennoch wollte er es weiter zermalmen. Wie befreiend es sich doch anfühlen würde, etwas zu zerstören. Sie hatten die Legion besiegt, den Schrecken des Sargeras. Obwohl er Feuer und Vernichtung auf ihre Welt herabregnen ließ, hatten sie sich am Ende durchgesetzt. Wie viele waren durch die Hand jener Legion gefallen? Wie viele Wesen waren durch den Wahnsinn von N’Zoth verdorben und zerfetzt worden? Und doch hatten sie selbst den Alten Gott in die Knie gezwungen. Aber eine Frau … Eine Frau war ihrer gerechten Strafe bislang entgangen. Die Suche nach ihr schien kaum mehr als eine Bagatelle, und doch hatte sie sich als kostspielige – und vielleicht sogar unmögliche – Aufgabe erwiesen.

Wir werden es weiter versuchen“, erklärte Alleria mit besänftigender Überzeugung. „Sie kann sich nicht ewig verstecken. Schon bald wird sie sich zeigen müssen, und wenn das geschieht, wird sie die ganze Macht ihrer Feinde spüren, wenn wir sie holen kommen.“ Anduin öffnete langsam die Augen und drehte den Kopf zu der blonden Elfe herum. Als ihre Blicke sich trafen, spürte er einen kurzen Stich, ein unangenehmes Wispern aus den dunklen Winkeln seines Gedächtnisses. Einst hatte Alleria ihm vorgeschlagen, dass Sylvanas N’Zoth gegenübertreten sollte. Sie und ihre Schwester Vereesa waren überzeugt gewesen, dass dies ihre beste Option sei. Für Anduin hingegen hatte der Vorschlag 21 lächerlich geklungen, und das tat er auch heute noch. Sicher, Blut war Blut, und sie hatten allen Grund gehabt, auf die Fähigkeiten ihrer Schwester zu vertrauen. Warum also nicht ihren schlimmsten Feind gegen einen anderen Feind kämpfen lassen? An der Macht von Sylvanas’ Kräften ließ sich natürlich nicht rütteln, trotzdem hatte Anduin sich geweigert. Aber jetzt … Jetzt … Er glaubte, seinen Namen aus Shaws Mund zu hören, aber er war verloren in der dunklen Kraft dieser Erinnerung. Warum hatte Alleria ihn um so etwas gebeten?

Wie hatte sie nur so blind sein können, einer derart durchtriebenen Person wie Sylvanas Windläufer eine Chance geben zu wollen? Und nun hatte sie in ihrer einen, ihrer ausdrücklichen Aufgabe versagt, ihre Schwester zu finden, damit sie der Gerechtigkeit Genüge tun konnten. Verbarg sie vielleicht etwas vor ihm? Schlummerte vielleicht mehr hinter dem goldenen Schimmer ihrer Augen als nur die endlosen Mysterien der Leere? Wie sollte er sicher sein, dass Alleria wirklich loyal zu ihm stand? War es ein Risiko, ein dummes, leichtsinniges Risiko, sie weiter an seiner Seite zu behalten? Sylvanas im Arathihochland zu vertrauen, war jedenfalls dumm und leichtsinnig gewesen.

Damals hatte ein naiver, kindlicher König dem Wort einer Schlange vertraut … Aber nein. Alleria hatte sich mehr als nur einmal bewiesen, und es stimmte, was sie sagte: Sylvanas war keine einfache Beute. Die Jagd würde weitergehen, und er als König musste einen Weg finden, weiter an ihre Erfolgsaussichten zu glauben. Das war seine Pflicht. Ein Mann musste seine Grenzen kennen, und er durfte sich nicht über diese Grenze hinaustreiben lassen. Zu viele Leute verließen sich auf ihn. Der Zaunpfahl zersplitterte. Eine weitere Sache, die in Ordnung gebracht werden musste. Ein weiterer Punkt auf einer langen, langen Liste. „Kommt“, sagte er leise, während er sich von den beiden abwandte. „Der Sturm ist fast schon hier. Kehren wir nach Sturmwind zurück. Wir müssen unsere nächsten Schritte planen. Sylvanas wird nicht rasten, also werden wir das auch nicht tun.“ 



Orgrimmar

So sehr es ihn auch überraschte, fühlte er sich doch heimisch in der trockenen Hitze und dem endlosen Lärm von Orgrimmar. Vielleicht war dies ja wirklich wie die Rückkehr zu einer missratenen, verqueren Familie, einer Familie, die Thrall nicht unbedingt gewählt, die er aber doch zu respektieren gelernt hatte. Thrall, der Sohn Durotars und ehemaliger Kriegshäuptling der Horde, hatte erwartet, dass ihn die vertrauten Gerüche und das Chaos der Hordehauptstadt abstoßen würden; stattdessen fügte er sich mit überraschender Mühelosigkeit in ihren Rhythmus ein. Auf gewisse Weise machte sie ihm Angst, diese Vertrautheit, diese Selbstverständlichkeit. Natürlich hatte sich vieles verändert, so auch die Horde. Sie hatte gar keine andere Wahl gehabt. Heute konnte ein einzelner Kriegshäuptling nicht mehr über sie alle herrschen. Nein, die Horde hatte sich wie eine Familie entwickelt: Sie hatte gelitten, war gewachsen und dann wieder zusammengeschrumpft, und nun, zu guter Letzt, begann sie, sich nicht länger als Nationenbündnis zu verstehen, das von einer einzigen Stimme geführt wurde, sondern als Chor starker Stimmen, die zu einer vereint waren.

Wölfe waren im Rudel am stärksten – dann, wenn sie sich zusammentaten –, und hier, in der Feste Grommash, umgeben vom Rat der Horde, sah Thrall zahlreiche starke Wölfe versammelt. Mach dir keine Sorgen, dachte er, während er sich in der Runde umsah. Niemand hier betrachtet dich als Anführer. Du sitzt lediglich in einer Runde Gleichrangiger. 23 Sein Stolz wurde durch diesen Gedanken nicht verletzt; im Gegenteil, er hieß ihn willkommen. Thrall legte die Hände auf seine Knie und beugte sich vor, während die beiden jungen Tauren-Kriegerhelden in der Mitte des Kreises ihren Bericht abschlossen. Sie hatten auf einem Bergkamm im Nördlichen Brachland zwei dunkle Waldläufer entdeckt und eine Patrouille in der Gegend alarmiert, die die Spione daraufhin aufgespürt und gefangen genommen hatte. Die Waldläufer hatten irgendeinen üblen Trunk geschluckt und waren gestorben, ehe man sie verhören konnte, aber immerhin würde die Dunkle Lady nun keine Augen mehr in Durotar haben. Kurzer Applaus erfüllte den Raum, und die beiden Tauren richteten sich zu ihrer ganzen Größe auf, ihre fellbedeckte Brust vorgereckt, ihre Speere kerzengerade erhoben.

Thrall konnte nicht umhin, sich zu fragen, wie lange sie wohl leben würden. Welcher kalte, trostlose, weit entfernte Ort mochte ihr Grab werden? Was für eine Familie würden sie zurücklassen, wenn sie sich in den Fleischwolf des Krieges stürzten? Nein. Nein. Sie arbeiteten daran, all dem ein Ende zu setzen. Das war Sinn und Zweck des Rates: die blutigen Gelüste einzelner zu unterdrücken und ein besonneneres Vorgehen zu garantieren. Nicht wenige zuckten bei der Erwähnung des Wortes Waffenruhe noch immer zusammen, aber Thrall war überzeugt, dass die Horde eine Verschnaufpause bitter nötig hatte. „Gut gemacht!“, rief Lor’themar Theron den beiden Tauren zu. Der Anführer der Blutelfen mit dem langen, blassen Haar, der schurkischen Augenklappe und dem sorgfältig getrimmten Bart hob seinen Kelch. „Ihr habt genau richtig gehandelt. Ein Hoch auf diese feinen Krieger der Horde. Lok-tar!“ „Lok-tar!“ Thrall hob seinen eigenen Becher, aber sein Blick verharrte auf dem leeren Platz neben dem rotgewandeten Oberhaupt der Blutelfen. Im Laufe dieses Nachmittages hatten sich schon einige Augen auf jenen Platz gerichtet – einschließlich Lor’themars eigenem, heilen Auge.

Es wirkte beinahe schon zu paradox: Hier 24 saßen sie nun, ihr Rat eine direkte Reaktion auf Sylvanas Windläufers kontroverse Taten und ihr selbst gewähltes Exil … aber niemand saß auf ihrem Platz, um für die Verlassenen zu sprechen. Selbst die neue Königin der Zandalari, Talanji, war aus ihrer weit entfernten Heimat angereist, um der Sitzung des Rates beizuwohnen. In dem Stuhlkreis, den sie hier in der Feste aufgestellt hatten, saß sie Thrall fast direkt gegenüber, aber bislang hatte sie kaum etwas gesagt. Etwas, das höchst ungewöhnlich für die ungestüme, junge Königin war, wie Thrall wusste. Neben ihr, dem Eingang am nächsten, saß der ebenfalls erst jüngst aufgestiegene Handelsprinz des Bilgewasserkartells. Gazlowe mochte von kleiner Gestalt sein, aber seine Präsenz war überlebensgroß, wie er während der Berichte, Diskussionen und Debatten des Tages mehrfach unter Beweis gestellt hatte.

Der Goblin schenkte sich gerade ein wenig Ale nach, als zwei Gestalten durch die offene Tür hereinplatzten. Die Tauren-Kriegerhelden zuckten zusammen, und Gazlowe erschrak so sehr, dass er die Hälfte seines Getränks über sein Hemd verschüttete. Er fluchte und grummelte, und sein einsames Haarbüschel wackelte hin und her, während er energisch an dem Fleck rieb. Das Ratsmitglied, dessen Abwesenheit solche Aufmerksamkeit erregt hatte, war endlich eingetroffen. Eine schlanke Untote mit goldenen Augen hastete atemlos in die Feste. Ihr Blick huschte hierhin und dorthin, und ihre Haltung ließ darauf schließen, dass sie nicht die Absicht hatte, sich für ihre Verspätung zu entschuldigen. Ihr folgte eine geisterhaft bleiche Frau, ebenfalls untot, deren Auftreten jedoch weit erhabener wirkte. Generell hätte der Kontrast zwischen den beiden nicht größer sein können: die eine von ihrem Fluch gezeichnet und bis auf die Knochen verrottet, die andere wohlgeformt, makellos und von innen heraus in einem faszinierenden Licht glühend. Die Ankunft von Lillian Voss, der gegenwärtigen Anführerin der Verlassenen, und Calia Menethil fesselten die Aufmerksamkeit jedes atmenden Wesens in der Feste, und die beiden Tauren, 25 die gerade noch ihren Bericht vorgetragen hatten, verlagerten in der plötzlichen Stille unbehaglich das Gewicht von einem Bein auf das andere.

​​​​​​​Calia verfolgte aufmerksam jede von Lillians Bewegungen, so, als hätte sie Angst, man würde sie später darüber befragen. Schließlich bedeutete Baine Bluthuf den zwei Tauren, Platz zu machen. Die beiden schlurften zu ihm hinüber und knieten sich hinter ihm auf den Boden. Niemand sprach, und niemand schien zu wissen, was er sagen sollte, schon gar nicht die Neuankömmlinge. Lillian Voss rückte die zerschlissene Tasche über ihrer Schulter zurecht; ihre Stiefel, Beinschienen und ihr Umhang waren mit frischem Schlamm besprenkelt. Rechts von Thrall hüstelte Thalyssra, die Erste Arkanistin mit den weißen Haaren und den weißen Tätowierungen, dezent in ihre Faust. Ich bin nicht ihr Anführer. Doch als sich die Stille unangenehm in die Länge zog, stand Thrall schließlich doch auf. Er breitete die Arme aus und setzte ein warmes Lächeln auf, um die Neuankömmlinge zu begrüßen. „Wir haben Euch schon schmerzhaft vermisst“, dröhnte Thrall.

„Ohne die Verlassenen ist die Horde nicht die Horde.“ Lillian nickte und biss sich dabei so fest auf die Unterlippe, dass Thrall schon Angst hatte, ihre Zähne würden die Haut durchbohren. Ihre Begleiterin Calia Menethil, deren Gesicht ebenso weiß war wie ihr Gewand, trat nach vorne und beugte ihr silbernes Haupt. „Wie gütig von Euch.“ „Bitte, gesellt Euch zu uns.“ Thrall kehrte zu seinem Platz zurück und deutete auf die hochlehnigen Stühle, die für die Vertreter ihrer Fraktion reserviert waren. „Die besten Speisen von Orgrimmar stehen für Euch bereit und so viel Wein oder Met, wie Ihr trinken könnt. Oh … ich meine … Was immer Ihr wünscht“, sagte der Vulpera Kiro, pfotenringend nach diesem Tritt ins Fettnäpfchen. Sein Volk war noch neu in der Horde. Etwas leiser fügte er an: „Bitte, setzt Euch doch.
 

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Cocoon26 - Mitglied
Freue mich schon darauf das ganze Buch in der Hand halten zu dürfen.^^
nyso - Mitglied
Liest sich gut, habe Lust darauf bekommen und die deutsche Sprache zieht mich, trotz guter Englischkenntnisse, doch immer noch mehr rein. 
Nur gehe ich davon aus, dass die digitale Version danke Buchpreisbindung fast das gleiche kosten wird wie ein richtiges gedrucktes Buch... .
Hogzor - Mitglied
Digitale Versionen (also e-books) sind doch immer um einiges billiger als gedruckte Bücher, doer was meinst du?
Kyriae - Mitglied
Warum haben sie den Namen des Pferdes eingedeutscht? Und dann auch noch mit "Andacht" übersetzt? Oh man. 

Aber an der Szene sieht man (mal wieder) Varian durchblicken. Ist schon blöd, wenn man einen Ruf hat und man eigentlich anders ist. Kein Wunder, dass da "finstere" Mächte ein leichtes Spiel haben. 

Und Kiro... ich liebe diese Szene <3
LikeADwarf - Mitglied
Schöne Ausschnitte.
Ich bin sehr auf den Roman gespannt. Hat richtig Spaß gemacht diese Abschnitte zu lesen :)
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