Neue Kurzgeschichte zu WoW - Der dunkle Spiegel

Blizzard hat eine neue offizielle Kurzgeschichte zu World of Warcraft veröffentlicht: Der dunkle Spiegel. Diese erzählt die Geschichte von Nathanos Pestrufer, den Horde-Spieler von der Questreihe "Auf Befehl der Dunklen Fürsting" kennen dürften!

Veröffentlichung
am 19.04.2017 - 08:20
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Rund um World of Warcraft gibt es immer wieder neue Romane, die zum Beispiel die Übergänge zu neuen Erweiterungen bilden. Doch auch sonst können sich Lore-Fans immer mal wieder über Kurzgeschichten aus dem Warcraft-Universum freuen. Nun hat Blizzard nach einer langen Pause wieder eine weitere Geschichte zu World of Warcraft veröffentlicht: der dunkle Spiegel. Die von  Senior Game Designer Steve Danuser geschrieben Geschichte kann kostenlos auf der offiziellen Webseite von World of Warcraft gelesen werden oder einfach im folgenden Bluepost. Wer mag, kann sich auch ein PDF dazu herunterladen: zum PDF.
 World of Warcraft Kurzgeschichte: Der Dunkle Spiegel
Der Dunkle Spiegel

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Nathanos Marris  schloss die Augen und atmete tief durch die Nase ein, die schon unzählige Male gebrochen worden war. Ein Hauch von Herbst hing in der feuchten Luft und vermischte sich mit dem Duft der Wildblumen, die zwischen den Steinplatten des Weges erblühten. Es war ein guter Duft, vertraut und erdig. Er wollte niemals auf ihn verzichen müssen.

Die Stiefel der Waldläufergeneralin machten kein Geräusch, als sie an ihn herantrat. Wie immer trug Sylvanas Windläufer den Geruch der Rosengärten mit sich, die in der Stadt der Hochelfen in voller Blüte standen. Diesen Duft würde Nathanos überall wiedererkennen.

Eine Weile stand der Mensch regungslos da, um im Stillen die Anwesenheit der Elfe möglichst lange auszukosten. Um sie herum sangen Vögel im Sonnenuntergang und das leise Blöken einiger Schafe drang von der anderen Seite des Holzzauns zu ihnen herüber, den er als Junge mit seinem Vater errichtet hatte.

Er öffnete seine Augen. Von dieser kleinen Anhöhe aus konnte er auf Marris' Siedlung hinabblicken: auf das Haus, in dem er sein ganzes bisheriges Leben verbracht hatte, die Scheunen, die bald winterfest gemacht werden mussten, den Weizen, dessen Ernte bevorstand.

Sein Zuhause.

Nathanos liebte diesen Anblick. Er war stolz. Vielleicht ließ er den Augenblick deshalb noch ein wenig andauern, bevor er sein Bestes gab, ihn zu ruinieren.

„Du solltest nicht hier sein“, knurrte er.

„Begrüßt man so seine Kommandantin?“, gab Sylvanas zurück und wandte sich ihm zu. Obwohl ein Lächeln ihre Lippen umspielte, lag etwas Bestimmendes in ihrem Blick, das Autorität ausstrahlte. Sie trug eine Rüstung aus blau gefärbtem Leder und einen kunstvoll verzierten Bogen auf dem Rücken. Mit seiner verschlissenen Arbeitskleidung und dem zerzausten Bart kam er sich neben ihr wie ein Landstreicher vor.

Er schüttelte den Kopf. „Du weißt genau, was ich meine, Sylvanas. Seit du mich zum Waldläuferlord ernannt hast, macht sich Unmut unter den Weltenwanderern breit. Diese Besuche sind nicht unbemerkt geblieben – und deine ach so noblen Waldläufer tratschen fast noch schlimmer als Waschweiber.“

Sylvanas streifte ihre tiefblaue Kapuze zurück und das lange, blassgoldene Haar ergoss sich über ihre Schultern. „Ich wuste ja gar nicht, dass es dich interessiert, was andere von dir denken.“ Er hörte den feinen Hohn in ihren scheinbar mitfühlenden Worten, der wohl seine Entschlossenheit auf die Probe stellen sollte.

Seine Zähne knirschten vor Anspannung. Es ärgerte ihn, dass Sylvanas seine schroffe Art bereits so vertraut war, dass sie völlig unbeeindruckt davon blieb. „Mir ist es gleich, was man über mich erzählt. Du aber bist ihre Anführerin und du kannst es dir nicht erlauben, ihren Respekt zu verlieren.“

Sylvanas strich Nathanos eine Strähne seines rostbraunen Haars aus dem Gesicht. „Als Waldläufergeneralin ist es meine Pflicht, die Berichte meiner Späher im Feld einzuholen. Und da du dich lieber in die Wildnis Lordaerons zurückziehst, anstatt in Quel'Thalas deinen Dienst zu verrichten, bin ich dazu gezwungen, hin und wieder nach dir zu sehen.“

Er zuckte die Schultern. „Es ist besser, wenn ich Abstand wahre. Mir fehlt die Geduld für die Machtspielchen in deiner Stadt. Hier kann ich … atmen. Ich lege Wert auf die einfachen Dinge im Leben, und die würde ich im Schatten eurer uralten Türme vergeblich suchen.“

„Lor'themar zufolge versteckst du dich hier nur vor Vergleichen mit elfischen Bogenschützen“, sagte sie mit hochgezogener Augenbraue.

„Lor'themar Theron ist ein Narr! Das Gewand eines Politikers stünde ihm besser als das eines Waldläufers. Mit seinen Schießkünsten könnte ich es jederzeit aufnehmen, Pfeil um Pfeil.“ Nathanos wollte noch mehr sagen, doch er biss sich auf die Zunge. Sein Ärger belustigte sie und er weigerte sich, ihr noch mehr Genugtuung zu verschaffen.

„Es erleichtert mich, die Gründe für deinen Rückzug zu erfahren. Ich hatte bereits befürchtet, dir wäre meine Gesellschaft lästig geworden.“ Die untergehende Sonne ließ Sylvanas' ebenmäßige Gesichtszüge aufleuchten und ihre graublauen Augen funkelten im goldenen Licht. Das Ergebnis war so vollkommen, dass er hätte schwören können, es müsse sich um einen Zauber handeln, den sie immer perat hielt, um Gesprächsverläufe in ihrem Sinne zu lenken oder einen Rivalen abzulenken.

Und natürlich verfehlte er nicht seine Wirkung. Bevor er sich selbst davon abhalten konnte, gab er ihrer Eitelkeit nach.

„Es ist nicht so, als hätte ich dich nicht gerne um mich, Sylvanas. Doch dein Volk braucht seine Generalin – in diesen dunklen Zeiten mehr denn je.“

Die Elfe runzelte die Stirn. „Dein Wunsch wird sich schon bald erfüllen. Ich werde mich mit meiner Schwester Alleria treffen. Sie glaubt, dass es die Orcs auf Quel'Thalas abgesehen haben und einen Angriff auf unsere Heimat planen. Sollten sich ihre Befürchtungen bestätigen, könntest auch du zur Verteidigung der Stadt nach Silbermond zurückbeordert werden, ganz gleich ob du nun möchtest oder nicht.“

Er fasste sie am Arm und zog sie an sich heran. „Sylvanas, du weißt, dass ich meine Pflicht erfüllen werde und –“

Bevor er den Satz beenden konnte, hörten sie aufgeregte Rufe von der anderen Seite des Feldes. „Nathanos!“, rief ein Junge, während er mit wedelnden Armen durch die auseinanderstiebende Schafherde lief. Als er nur noch wenige Meter von den beiden Waldläufern entfernt war, sah er die Hochelfe und riss vor Staunen den Mund auf. Bei seinem Versuch, über den Zaun zu klettern, stürzte er fast zu Boden und kam nur knapp vor ihren Füßen zum Stehen.

„Waldläufergeneralin Sylvanas Windläufer,“ begann Nathanos förmlich, „darf ich Euch meinen Cousin Stephon Marris vorstellen. Er ist zwar erst neun Jahre alt, aber wie Ihr sehen könnt, stehen seine mangelnden Umgangsformen den meinen bereits in Nichtsnach.“ Stephon errötete und Nathanos sah ihn streng an, um ein Grinsen zu verbergen. Er mochte den Jungen, dessen Haare und Gesichtszüge den seinen so sehr ähnelten. Er erinnerte ihn ständig daran, wie es war, in einer Welt zu leben, die einen tagtäglich mit neuen Wundern überraschte.

„Unsinn, Nathanos.“, sagte Sylvanas und kniete sich mit einem freundlichen Lächeln auf Augenhöhe zu dem Jungen. „Ich bin mir sicher, dass aus ihm eines Tages ein zuvorkommender junger Mann werden wird – unabhängig von Eurem schlechten Einfluss.“

„Ihr ... Ihr seid eine Waldläuferin? Wie mein Cousin?“, stammelte Stephon mit aufgerissenen Augen.

"Nein, Junge. Sylvanas ist weit mehr als das. Sie befehligt alle Waldläufer in diesen Landen!", entgegnete Nathanos.

Stephon blickte ehrfürchtig von einem zur anderen und überlegte fieberhaft, was er antworten sollte.

Die Hochelfe neigte ihren Kopf und flüsterte leise in das Ohr des Jungen, als wollte sie ihm ein Geheimnis verraten: „Möchtest du auch ein Waldläufer werden, wenn du groß bist?“

Der Junge schüttelte entschlossen den Kopf. „Ich will ein Ritter sein, mit einer glänzenden Rüstung und einem riesigen Schwert und einem eigenen Schloss! Ich will nicht im Wald leben oder auf Bäume klettern und mit Pfeilen schießen.“ Er erstarrte vor Schreck. „Ich wollte nicht sagen, dass Waldläufer ... Ich meine ... Euch zu dienen wäre eine Ehre, Generalin!“

Sylvanas entfuhr ein leises Lachen, sanft und melodisch. Nathanos seufzte. „Stephon, es wird spät. Geh lieber nach Hause und belästige nicht meine Kommandantin.“

Bevor der Junge davonlaufen konnte, fasste ihn Sylvanas mit einer fließenden Bewegung am Handgelenk. „Nimm das und verwahre es“, sagte sie und drückte ihm eine Goldmünze in die Hand, „bis dein Cousin findet, dass du alt genug für dein erstes Schwert bist.“

Stephons Augen leuchteten auf, als wollten sie mit der untergehenden Sonne konkurrieren. „Danke! Vielen Dank!“ Er sprang auf, kletterte über den Zaun und rannte zurück über die Wiese. Blökende Schafe flüchteten auseinander, um seinem Ansturm Platz zu machen. „Ein eigenes Schwert, ein eigenes Schwert!“, rief er in den Abendhimmel.

„Na großartig“, brummte Nathanos verdrossen und strich sich durch den Bart. „Jetzt wird er mir tagtäglich damit in den Ohren liegen.“

Sylvanas wartete mit ihrer Antwort, bis Stephon hinter dem Hügel verschwunden war. „Er braucht einfach jemanden, der an ihn glaubt. Wie wir alle von Zeit zu Zeit.“ Nathanos vernahm einen wehmütigen Klang in ihrer Stimme und fragte sich, wie sie wohl in ihrer Kindheit gewesen sein musste.

Für eine Weile beobachteten sie still die letzten Strahlen der untergehenden Sonne. Erst als das Zirpen der Grillen den Gesang der Vögel ablöste, brach er das Schweigen.

„Wann brauchst du auf?“

Sie schenkte ihm den Hauch eines Lächelns. „Im Morgengrauen, denke ich. Es ist spät und Ihr schuldet Eurer Waldläufergeneralin eine Mahlzeit ... und etwas Gesellschaft.“ Sie ging auf das Haus zu. Im Vorübergehen streiften ihre Fingerspitzen leicht seinen Handrücken.

Für einen Moment dachte er an die ewigen Ränkeschmiede Silbermonds, das verächtliche Grinsen Lor'themar Therons und die drohende Gefahr durch die näher rückenden Armeen der Horde. Ein Teil von ihm sehnte sich nach einem ruhigeren Leben. Ein Leben auf dem Land, wie es sein Vater und Großvater vor ihm geführt hatten. Er könnte den Weltenwanderern den Rücken kehren und hier in der Siedlung in Frieden leben. Zuhause sein. Doch dafür würde er etwas aufgeben müssen, was sehr viel kostbarer war als sein Rang bei den Weltenwanderern.

Als er seine Schritte entlang des ausgetretenen Pfads in Richtung des Hauses lenkte, wusste er, dass er seine Entscheidung getroffen hatte. Zum Teufel mit der Politik. Zum Teufel mit der ganzen Welt! Er hatte Sylvanas ein Versprechen gegeben und um nichts in der Welt würde er von ihrer Seite weichen.

 

* * *

„Was zögert Ihr, mein Champion?“

Die Ungeduld in Sylvanas' Stimme war nicht zu überhören und riss Nathanos unsanft aus seinen Erinnerungen. Er dachte selten an die Vergangenheit. Es waren die Erinnerungen eines anderen Mannes, dessen Leben bereits vor vielen Jahren sein Ende fand. Alles, was ihn als Mensch ausgezeichnet hatte – sein Zuhause, seine Familie, seine Verpflichtungen – waren in weite Ferne gerückt und hatten jegliche Bedeutung für die Kreatur verloren, die er geworden war. Er war der Pestrufer, ein Verlassener. Und er diente nicht länger der Waldläufergeneralin der Hochelfen.

Er diente der Bansheekönigin.

„Ich verstehe noch immer nicht, wozu das gut sein soll.“ Seine Worte hallten in den dunklen Gewölben des Königsviertels wieder und einen Moment lang war er entsetzt über die dröhnend tiefen Laute, die seinem Mund entwichen. Noch halb in Erinnerung schwelgend hatte ein Teil von ihm erwartet, seine einst menschliche Stimme zu hören. Was für ein sentimentaler Narr er war!

„Das Ritual wird Euch erstarken lassen“, antwortete sie, während sie mit rot glühenden Augen auf der Estrade inmitten der gewaltigen kreisrunden Kammer auf- und ablief. „Und dank des Vorstoßes der Legion in die Territorien der Horde benötige ich einen mächtigen Champion.“

Nathanos wandte seinen Blick von Sylvanas ab und betrachtete die stoische Val'kyr, die hinter ihr schwebte. Die Spannbreite ihrer Flügel maß an die zwanzig Schritt und ihre Spitzen berührten beinahe die gewaltigen Säulen an beiden Enden der Plattform, auf der sie sich alle befanden. Obwohl es in Unterstadt, dem Regierungssitz seiner Königin, nur so von Geistern und grotesken Kreaturen wimmelte, waren es doch die Val'kyr, die ihm als einzige Unbehagen bereiteten. Es war die Ungewissheit dessen, was sich hinter ihren Helmen verbergen mochte, die ihn nicht loszulassen schien. Gerüchten zufolge dienten die eindrucksvollen Vrykulkriegerinnen einst als Wächterinnen der Toten und waren beauftragt, würdigen Seelen ihrer verdienten Ruhe zuzuführen. Doch diese hier war gemeinsam mit ihren Schwestern der Herrschaft des Lichkönigs unterworfen und dazu gezwungen worden, dem Monster eine Armee zu geben, das Sylvanas Windläufer in den Tod gestürzt und sie zu ihrem ruhelosen Dasein als Untote verdammt hatte.

Ein plötzlicher Anflug von Misstrauen ließ ihn innehalten. Hatte seine Königin die richtige Entscheidung getroffen, als sie nach dem Sieg über den Lichkönig diese Kreaturen in ihren Dienst stellte? Sofort schalt er sich für diesen Gedanken und verbannte jeglichen Zweifel aus seinem Bewusstsein. Die Val'kyr hatten ihren Wert bereits unter Beweis gestellt. Ihnen war es zu verdanken, dass sie bereits viele neue Verlassene in den eigenen Reihen hatten begrüßen können. Die Dunkle Fürstin wusste stets, was das Beste war.

Trotzdem ließ er es sich nicht nehmen, sie ein wenig zu provozieren. „Falls Euch meine Stärke als Champion nicht ausreicht, solltet Ihr vielleicht jemand anderen auserwählen.“

Sylvanas Augen loderten blutrot auf. „Warum ziert Ihr Euch so sehr?“ In ihrer Stimme hallte ein Hauch der Zerstörungskraft wider, die das Markenzeichen des Bansheeschreis war. Die Wandbehänge schienen wie vor Ehrfurcht zu erzittern.

Er genoss ihre Frustration, doch er durfte es nicht zeigen.

Nachdem die Dunkle Fürstin einige Momente stillschweigend um Fassung gerungen hatte, fuhr sie fort: „Die Macht der Val'kyr wird meinen Körper über Jahrhunderte bewahren. Doch Eure einst menschliche Erscheinung, wie die all der anderen Verlassenen, wird die Äonen nicht überdauern. Ich möchte Euren drohenden Verfall aufhalten und Euch den Schmerz ersparen, den ich ertragen musste, als ...“

Er nickte, um ihr die verbleibenden Worte zu ersparen. Ihm allein hatte sie von den Dingen erzählt, die sich am Tag nach dem Fall des Lichkönigs ereignet hatten. Wie sie in dem Glauben, endlich ihren Zweck in der Welt erfüllt zu haben, die ewige Ruhe einfordern wollte, die ihr so lange verwehrt worden war. Wie sie ihren Körper die eisigen Klippen der Eiskronenzitadelle hinabgestürzt hatte, nur um am Ende doch lediglich vom unerbittlichen Hunger der Leere heimgesucht zu werden. Auch wenn sie sich geweigert hatte es auszusprechen, kannte er sie gut genug, die wahre Angst in ihr zu erkennen.

Sylvanas war an jenem Tag durch ihren Pakt mit den Val'kyr gerettet worden und dafür – diesen Egoismus musste er sich eingestehen – war er dankbar. Und doch, hätte er seine Königin verloren, wäre mit ihr auch der einzige Grund gestorben, diese Farce eines Lebens fortzuführen. Wäre sie auf ewig den Qualen einer unendlichen Dunkelheit ausgesetzt, so hätte er zumindest sein eigenes Dasein aufgeben und die Verdammung an ihrer Seite ertragen können.

„Vielleicht“, begann er, „solltet Ihr mich einfach ziehen lassen.“

Das Feuer in ihren Augen erlosch. Für eine Sekunde schimmerten ihre Augen in dem grau-blauen Licht früherer Zeiten. Doch im nächsten Moment blickte sie ihn wieder kalt und fordernd an. „Zweimal habe ich euch bereits in meinen Dienst gerufen, Nathanos Pestrufer. Er wird nicht enden, bis ich den Befehl dazu erteile!“


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Er sah die Welt durch einen dichten Nebelschleier. Aller Sinn und Verstand war kaltem Hass gewichen. Ein Hass, der sich tief in seinem Geist festgesetzt hatte und dessen Ausläufer weit in sein verdorbenes Wesen hineinreichten. Der Mann, dem dieser Körper in früheren Zeiten gehört hatte, existierte nicht mehr. Sein Blut war auf den Äckern vergossen worden, die er einst sein Zuhause nannte. Doch etwas hatte von seinem Körper Besitz ergriffen und lebte in ihm fort. Diese Kreatur verfügte über keinen eigenen Willen. Der einzige Sinn ihrer Existenz war es, dem Lichkönig zu dienen.

Er wandte sich wieder der halbverzehrten Leiche zu, die vor ihm auf dem Boden lag – sein jüngstes Opfer. Mit den Zähnen riss er ein Stück ihres Halses heraus und sofort überkam ihn ein Gefühl von Stärke. Er erinnerte sich an die Ekstase, die ihn ergriffen hatte, als ihre Schreie langsam verstummt waren und das Leben in den vor Schreck geweiteten Augen erloschen war. Gierig schlang er noch ein Stück herunter, erpicht darauf, das Gefühl ein weiteres Mal zu erleben.

Waren Tage oder bereits Jahre seit seiner Wiedererweckung vergangen? Es machte keinen Unterschied. Zeit war eine Sorge der Sterblichen und das Geschenk seines Meisters hatte ihn von dieser Bürde befreit. Seit seiner Verwandlung verspürte er nur einen einzigen Drang: die Seuche des Untodes im gesamten gefallenen Königreich von Lordaeron zu verbreiten und die Länder, denen sich seine menschliche Seele einst so verbunden fühlte, zu verwüsten. Wäre sein Herz nicht so von Hass und Boshaftigkeit erfüllt gewesen, er hätte wohl laut und ausgiebig über die Ironie seiner Existenz gelacht.

Er beendete sein Mahl und wartete. Er wartete, denn so wollte es sein Meister.

Einen Moment später spürte er sie. Die unheilige Magie, die auch seinen Körper wiederbelebt hatte, regte sich nun auch in ihrem. Voller Ehrfurcht beobachtete er die Verwandlung der Leiche in eine Kreatur der Geißel. Wie er wurde nun auch sie von dem Verlangen getrieben, jeglichem Leben ein Ende zu setzen. Die Angst war aus ihren untoten Augen verschwunden. Stattdessen sah er glühenden Hass darin aufblitzen.

Hätte ihr Kiefer nicht nur an zwei Hautstreifen gebaumelt, hätte sie ihm womöglich ein Lächeln geschenkt. Und vielleicht hätte er es erwidert, wäre nicht plötzlich ein Pfeilregen auf sie niedergegangen. Der Körper seiner neuen Gefährtin sackte zusammen und kam zuckend zum Erliegen.

Er wirbelte herum, um sich den Angreifern entgegenzustellen. Vor ihm erhoben sich drei verhüllte Gestalten. Etwas in ihm erkannte die Art ihrer Waffen wieder, wusste, wie tödlich ein Bogen sein konnte. Doch diese Erinnerungen waren unerheblich. Die flüchtigen Gedanken des Verstorbenen, die noch immer Teil seines Geistes waren, interessierten ihn nicht. Stattdessen loderte Hass in ihm auf und verlangte, entfesselt zu werden.

Gerade als er zum Sprung ansetzen wollte, gab der mittlere der drei Angreifer einen kurzen Befehl. Die Gestalten zu beiden Seiten setzten ihre Bögen an und schwere, stumpfe Pfeile bohrten sich in seine Beine. Er stürzte. Jeder Versuch seinerseits, sich aufzurichten, wurde durch weitere Pfeile vereitelt. Verfluchte Kreaturen! Er hielt nicht inne, um sich zu fragen, wieso sie ihn noch nicht niedergestreckt hatten. Er wollte einzig seine Zähne in ihr Fleisch senken, das zwischen Teilen ihrer dunklen Rüstung zum Vorschein kam. Nach ihrer Wiedererweckung als Diener der Geißel wären ihre Bögen nutzlos. Hass würde ihre Waffe sein, so wie er bereits die seine war.

Er witterte lauernd, um seinen Hunger zu schüren, doch ihr Geruch ließ ihn stutzen. Seine Feinde schienen weder Menschen noch Elfen zu sein. Tatsächlich handelte es sich überhaupt nicht um lebendige Wesen – wie er waren auch sie untot. Aus welchem Grund hielten ihn diese Kreaturen davon ab, den Willen des Meisters zu erfüllen? Angst und Verzweiflung eines waidwunden Tieres ergriffen Besitz von ihm, während ihn Pfeil um Pfeil tiefer in die Knie zwang.

„Nathanos!“

Die Stimme einer Frau rief seinen Namen. Nein. Diesen Namen gab es nicht mehr. Der Mann, dem er einst gehört hatte, war auf den verderbten Ländereien von Marris' Siedlung gefallen. Wie konnte es diese Kreatur nur wagen, die Erinnerung daran zu wecken! Ein heißer Zorn begann, in ihm zu brodeln. Er würde die Widersacherin umbringen. Er würde ihr Fleisch verzehren und sein Verlangen nach Tod und Zerstörung stillen.

Doch etwas in der Stimme dieser Frau ließ ihn innehalten. Sein Name wurde zu einem Befehl. Mit nur diesem einen Wort durchbrach sie die Wut, die seine Seele ersetzt hatte, und ergriff Besitz von ihm.

Nein. Der Hass. Der Wille des Meisters. Er würde diese drei Gestalten dafür umbringen, dass sie dem Lichkönig trotzten!

„Nathanos!“ Sie rief seinen Namen erneut. Ihre Stimme klang wie das Geheul der Banshees, die sein Meister in den Kampf schickte. Er war verwundert über die Kraft, die ihr innewohnte. Handelte sie etwa im Auftrag des Lichkönigs selbst?

„Nathanos!“ Sein Name ertönte ein drittes Mal. Die unbändige Wut, die er noch Sekunden zuvor verspürt hatte, war mit einem Mal wie weggefegt und er begann zu begreifen.

Diese Stimme. Natürlich.

Sylvanas.

Als sie die Kapuze zurückschlug, zeigte sich der kränkliche Schein der Pestländer auf ihren elfischen Gesichtszügen. Die Haut, die einst frisch und voller Leben gewesen war, schien fahl. Das Haar, das einst wie pures Gold geglänzt hatte, fiel ihr matt und stumpf über die Schultern. Und ihre blau-grauen Augen, die ihn in einem anderen Leben so fasziniert hatten, leuchteten in feurigem Rot. Eine Welle der Verzweiflung übermannte ihn, als er begriff, dass auch Sylvanas gefallen war. Doch dieses Gefühl verwandelte sich rasch in Ehrfurcht beim Anblick ihrer majestätischen neuen Form. Zu ihrer beider Lebzeiten hatte Sylvanas das Gebaren einer Königin, doch jetzt im Tode strahlte sie die Macht einer Göttin aus.

Er blickte hinab auf seine Hände. An den knorrigen Fingern klebte noch immer das Blut seines letzten Opfers. Seine Freude über das Wiedersehen mit Sylvanas wich einer tiefen Scham. Der Anblick, den er abgeben musste, erfüllte ihn mit Ekel und mit einem Arm versuchte er sein fauliges Gesicht vor ihr zu verbergen.

„Sylvanas.“ Die Stimme, die aus seinem vertrockneten Mund drang, war ihm fremd und er begriff, dass er seit seinem Tod kein einziges Wort mehr gesprochen hatte. Im Dienste des Lichkönigs hatte er nie sprechen müssen – nur töten.

„Ich bin Euretwegen hier, Nathanos. Schließt Euch mir wieder an.“

Er war es nicht wert, an ihrer Seite zu stehen oder auch nur seinen Blick auf sie zu richten. Doch ihre Macht nahm ihn in seinen Bann und ließ ihn den Arm senken, damit sie ihm in die Augen blicken konnte. „Ihr seht, was ... was aus mir geworden ist“, knurrte er. „Warum solltet Ihr ein Monster wie mich in Euren Dienst erheben wollen?“

Sylvanas winkte ab. „Ich errichte ein neues Königreich, Nathanos. Ein Königreich für die verlassenen Untoten, die aus den Klauen des Lichkönigs befreit wurden. Ihr werdet mein Champion sein und gemeinsam werden wir ihn ins Elend stürzen. Arthas muss für seine Gräueltaten zur Rechenschaft gezogen werden!“

Ein boshaftes Lächeln umspielte seine fahlen Lippen. Der dichte Nebel, der seinen Geist gefangen genommen hatte, war verschwunden. Er würde größten Gefallen daran haben, sich an seinem früheren Meister zu rächen. Noch immer war sein Herz von Wut und Hass verzehrt, doch sein Wille gehörte wieder ihm.

Nein. Nicht ihm.

Er gehörte ihr. Wie es schon immer gewesen war.

Die dunklen Waldläufer um Sylvanas beobachteten ihn mit angespannter Miene, als er sich aufrichtete. Er machte einen Schritt auf sie zu und verneigte sich. „Ich bin der Eure, Dunkle Fürstin. Heute und für alle Zeit.“

* * *

Nathanos blickte auf seine linke Hand herab. Es war noch genug von ihr übrig, um einen Bogen zu fassen und selbst dem ungeschicktesten Schüler beizubringen, wie die Waffe zu handhaben war. Doch er hatte an Kraft verloren, das wusste er. Das Fleisch seines untoten Körpers war einem unweigerlichen Verfall unterworfen und eines Tages würde ihm seine Hand den Dienst verweigern und schlichtweg abfaulen. Welchen Nutzen hätte er dann noch für Sylvanas?

Doch selbst als zerfallende Leiche, so sagte er sich, würde er seine Pflicht erfüllen. „Sagt mir, was Ihr von mir verlangt, meine Königin.“

Sylvanas nickte ihm zu. „Arthas zwang einst die Val'kyr, Todesritter für seine Armee zu erwecken. Dazu benutztn sie ein sehr viel mächtigeres Ritual als das, mit dem sie nun frische Leichen in Verlassene verwandeln. Mit ihren Kräften können sie Euren Körper neu formen und ihn stärker, ... beständiger machen.“

„Könnten die Val'kyr dieses Ritual nicht für alle Mitglieder unseres Volkes durchführen?“, fragte er.

Sylvanas blickte hinter sich in das ausdruckslose Antlitz der geisterhaften Maid. „Es ist ein mühsames Unterfangen, auf das sie sich nur widerwillig einlassen. Ohne die dunklen Kräfte des Lichkönigs, fürchte ich, müssen sie einen Teil ihrer eigenen Essenz zu diesem Zweck opfern.“ Sie wandte sich ihm erneut zu. „Doch es ist mein Wunsch, also wird es geschehen.“

Er trat näher an die Bansheekönigin heran und musterte aufmerksam ihr Gesicht. Er versuchte sich einzureden, dass er sie auch diesmal nur provozieren wollte. Doch das war gelogen. Er wollte weit mehr als das. „Wenn die Val'kyr das Ritual nur ein einziges Mal durchführen können ... wieso habt Ihr dann mich auserwählt?“

Sah er einen Hauch von Schmerz in ihren Augen? Was auch immer es war, im Bruchteil einer Sekunde war es wieder Sylvanas' üblichem resoluten Gesichtsausdruck gewichen. „Ich habe es Euch bereits erklärt. Die Legion stellt eine Bedrohung für uns alle dar. Ich brauche einen Champion, der mir zur Seite steht.“

Es war lächerlich, wie sehr er sich nach ihrer Bestätigung sehnte. Dennoch regte sich etwas in ihm, wann immer sie ihn mit diesem Titel ansprach.

„Dann sagt dieser Kreatur, sie solle sich beeilen“, knurrte Nathanos. „Ich habe Waldläufer auszubilden.“

Sylvanas schenkte ihm den Hauch eines Lächelns, bevor sie der Val'kyr zunickte. Die Kriegsmaid wandte sich um und näherte sich dem Alkoven an der Wand des Thronsaals. Die Königin flüsterte eine Zauberformel, das Mauerwerk teilte sich und gab den Blick auf einen dunklen Gang frei. Es handelte sich um einen von vielen Geheimgängen, mit deren Hilfe sie sich ungesehen durch die Stadt bewegte. Er vermutete, dass sie sogar ihm einige dieser Fluchtwege verschwieg.

Sie bewegten sich durch ein Labyrinth aus einander vielfach kreuzenden Gängen, das potenzielle Attentäter verwirren sollte. Die Val'kyr schien den Weg zu kennen. Womöglich wurde sie von den dunklen Kräften geleitet, die das Magieviertel durchdrangen. Nach einer kurzen Zeit begann auch Nathanos die magischen Schwingungen in der Luft zu spüren.

Sie bogen um eine letzte Ecke und fanden sich in einer Sackgasse wieder. Sylvanas sprach eine kurze Formel und mit einem Wink öffnete sich auch diese Wand. Sie traten durch die Öffnung hindurch.

Zu beiden Seiten der Kammer türmten sich Regale voller Folianten und magischer Instrumente auf, die im Schein der Lampen funkelten. In der Mitte des Raums erblickte er zwei Altäre, auf denen jeweils eine mächtige Steinplatte ruhte. Nur eine von ihnen war leer. Auf der anderen lag ein Mann, geknebelt und an Händen und Füßen gefesselt. Außer einem groben Stück Tuch um die Hüfte war er unbekleidet. Neben dem Unglückseligen lagen Teile einer goldenen Rüstung samt Kriegshammer und Schild. Nathanos erkannte sofort das Zeichen des Argentumkreuzzugs darauf. Abgesehen von der Demütigung durch seine Gefangennahme schien der Mann völlig unverletzt. Nathanos schnalzte anerkennend mit der Zunge. Seinerzeit hatte er unzählige Paladine getötet oder gefangen genommen, doch nur wenige hatten diese Prozedur so gut überstanden wie dieses Exemplar.

Er zeigte auf den Mann und fragte, an Sylvanas gerichtet: „Was ist das?“

„Energie“, entgegnete die Val'kyr mit eisiger Stimme.

Sylvanas umkreiste den Altar des Paladins. „Das Ritual erfordert ein Opfer. Fleisch das ... Eurem verwandt ist.“ Sie kam am Kopfende zu stehen und fixierte Nathanos mit ihrem Blick.

Wollte sie ihn prüfen? Welche Reaktion erwartete sie von ihm? Nathanos trat näher und betrachtete das Gesicht des Mannes genauer. Er meinte, in den ernsten Augenbrauen, dem kantigen Kinn und dem entschlossenen Ausdruck in den Augen des Sterblichen etwas Vertrautes erkennen zu können.

Das Gesicht des Mannes erinnerte ihn an sein eigenes. Damals, als er noch lebte. Sein Dasein als Sterblicher war so lange her, dass er geglaubt hatte, all jene Erinnerungen verloren zu haben. Doch dieser Mann war für ihn wie ein Spiegel seiner Vergangenheit ...

Seine Vergangenheit ...

In diesem Moment kreuzte sein Blick den des Gefangenen. Er las keine Angst in seinen Augen. Nur Verachtung … und anscheinend erkannte er ihn wieder.

Nathanos beugte sich hinunter und löste den Knebel. „Sei gegrüßt, Cousin.“

Stephon blickte ihn voller Abscheu an. „Ich habe zum Licht gebetet, dass du wahrhaftig gestorben seist und dass deine Seele Frieden finden konnte.“ In seinen Worten war Trauer, aber auch Verbitterung.

Nathanos entwich der Hauch eines Lachens. „Sag mir, hast du jemals die Goldmünze ausgegeben, die dir die Waldläufergeneralin gab?“

„Ich habe sie verwahrt“, antwortete der Paladin trotzig. „Ich verwahrte sie nach dem Fall von Stratholme, nach der Verwüstung Lordaerons durch die Geißel ... immer in der Hoffnung, dass mein Cousin wie durch ein Wunder überlebt haben könnte. Ich habe oft versucht, herauszufinden, was aus dir geworden ist. Doch als Antwort erhielt ich immer nur betretenes Schweigen. Schließlich hörte ich die Geschichte eines Scheusals namens Pestrufer. Es hauste in Marris' Siedlung und machte Jagd auf die Helden der Allianz, die wieder Frieden in die Region bringen wollten. Ich fürchtete, dass diese Kreatur für den Tod meines Vetters verantwortlich war und schwor, sie zu richten. Kurze Zeit später lauschte ich zufällig dem Gespräch zweier Flüchtlinge aus Darroheim, die das Monster bei seinem wahren Namen nannten. Erst da begriff ich, was aus dir geworden war.“

Stephon hielt einen Moment inne, ehe er fortfuhr: „An diesem Tag warf ich die Münze in den Fluss.“ Er spuckte auf den steinernen Boden.

Nathanos sagte nichts. Es gab keinen Grund, Stephons Worte abzustreiten. Alles, was er gesagt hatte, entsprach der Wahrheit. Auf Befehl seiner Königin war er auf dem Hof geblieben und hatte ihre Feinde in den Hinterhalt gelockt. Besondere Freude hatte es ihm bereitet, elfische Waldläufer des nördlichen Vorgebirges zu foltern. Sie gehörten zu eben jenen Weltenwanderern, die er einst selbst befehligt hatte. Mit dem Tod erstarrte ihr arroganter Gesichtsausdruck, um sich nach dem Tode in eine furchterregende Fratze zu verwandeln. Ganz gleich, ob er einem gefeierten Helden die Kehle herausriss oder das Herz eines guten Freundes mit Pfeilen durchbohrte, zu keinem Zeitpunkt hatte er Mitleid oder Gewissensbisse verspürt. Er fühlte rein gar nichts. Er hatte seine Pflicht, seine Aufgabe, erfüllt. Und er war gut darin. Seine Siege hatten ihm die Gunst der Dunklen Fürstin geschenkt und in seiner Vorstellung hätte ihm keine bessere Belohnung zuteilwerden können.

Sylvanas legte dem Gefangenen ihre Hand auf die Schulter, woraufhin dieser angewidert zusammenzuckte. „Wie ich erfahren habe, ging Euer geschätzter Cousin, nachdem er seinen Eid als Ritter abgelegt hatte, unweit Eures ehemaligen Hofes in den Pestländern auf Patrouille. Dort hat er eine recht beträchtliche Anzahl unserer Streitkräfte niedergestreckt.“ Als sie sich zu Stephon hinunterbeugte klirrte ihre Stimme mit Eiseskälte. „Ich hätte seinen Tod befehlen können, doch glücklicherweise bin ich nie dazu gekommen. Jetzt wird das Leben dieses Paladins einem höheren Zweck dienen.“

„Ich werde mich Euch niemals anschließen!“, stieß Stephon zwischen zusammengepressten Zähnen hervor.

„Keine Sorge, Cousin“, entgegnete Nathanos mit finsterer Miene. „Dieses Schicksal hat sie dir nicht zugedacht.“

Die Bansheekönigin lächelte. „Nicht ganz.“ Ohne ein weiteres Wort zu verlieren, stolzierte sie davon.

Während er auf seinen hilflosen Cousin hinabblickte, verspürte Nathanos etwas Ungewohntes in seiner Brust emporsteigen. War es Mitleid? Nein, er wusste, dass er zu diesem Gefühl nicht fähig war. Doch er hasste den Paladin nicht, zumindest nicht mit demselben Hass, den er für die restliche Menschheit empfand. Nein, er fühlte Stolz. Ein Teil von ihm war tatsächlich stolz auf Stephon, der seinen Kindheitstraum verwirklicht hatte. Auch wenn dieser Traum nun ein Ende finden würde.

Nathanos blickte auf und seine Augen suchten Sylvanas' Blick. War das seine wahre Prüfung? Erwartete sie, dass er sie hintergehen würde, um seinen Cousin zu retten? Fragte sie sich, ob er in diesem Moment der Entscheidung alles Bisherige aufgeben würde, um verzweifelt an einem letzten Rest seiner Menschlichkeit festzuhalten?

Aber er hatte überhaupt keine Wahl. Die Launen des Mannes, den er hinter sich gelassen hatte, ließen Nathanos Pestrufer seinen Schwur nicht brechen.

„Dann lasst uns endlich beginnen“, bellte er und schritt auf den leeren Altar zu.

„Das Licht wird mich retten!“, rief Stephon, doch die Verzweiflung in seiner Stimme verriet, dass er von seinen eigenen Worten nicht überzeugt war.

„Hier unten wird dich das Licht nicht finden, mein Junge“, antwortete ihm Nathanos, während er seinen Blick auf Sylvanas richtete. „Gemeinsam werden wir uns der Dunkelheit hingeben.“

Lautlos schwebte die Val'kyr zwischen beide Altäre – auf dem einen ein sich windender Mensch, auf dem anderen ein einsilbiger Untoter. Nathanos starrte die Kriegsmaid grimmig an. Sein Gesicht war eine Maske des Trotzes, hinter der er die in ihm aufsteigenden Zweifel zu verbergen suchte. Mit ausgebreiteten Flügeln und emporgestreckten Armen schien die Val'kyr den gesamten Raum auszufüllen. Mit kehliger Stimme setzte sie zu einem Gesang in einer ihm unbekannten, uralten Sprache an. Es waren entsetzliche Klänge, in denen die Macht des Lichkönigs noch deutlich spürbar war. Die Val'kyr ragte hoch über den Steinplatten auf, als blaue und goldene Blitze aus ihren Händen schossen. Um Nathanos herum verging die Welt in einer Kakophonie aus Feuer und Schmerz.

So viel Schmerz.



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Er wusste nicht wie lange es gedauert hatte, aber irgendwann ließen die Schmerzen schließlich nach. Nathanos öffnete die Augen und der Raum, in dem er sich befand, gewann langsam an Form.

In einer Ecke kniete die Val'kyr. Dieses Wesen, noch vor wenigen Augenblicken so gewaltig, so erbarmungslos, schien nun zu einer kleinen und wehrlosen Gestalt zusammengesunken zu sein.

Neben ihm stand die Dunkle Fürstin. „Wie fühlt Ihr Euch, Pestrufer?“

„Tot“, antwortete er trocken. „Doch nicht ganz so tot wie zuvor.“

Er erkannte seine Stimme nicht wieder. Es war weder die kraftvolle Stimme eines lebenden Mannes noch das Krächzen eines langsam verwesenden Leichnams. Es war auch nicht die Stimme einer Banshee und doch war ihr Tonfall gebieterisch.

Sylvanas Augen leuchteten. „Erhebt Euch, mein Champion!“

Er schwang seine Beine über den Rand der Steinplatte und erhob sich. Ihm entfuhr ein unwillkürliches Keuchen, als er auf Beinen zu stehen kam, die sich nicht recht wie seine eigenen anfühlten. Gleich einem Kind, das ein Geschenk auspackt, streifte er den Handschuh seiner linken Hand ab und blickte voll Ehrfurcht auf sie hinab.

Er sah weder Knochen noch verfaultes Fleisch oder zerrissene Muskeln. Es war zwar nicht die Hand eines Lebenden, doch sie war unversehrt und kräftig.

Eine Hand, die dem Champion der Königin würdig ist, entschied er im Stillen.

Vorsichtig betastete er mit den Fingern sein Gesicht. Anstelle von ausgetrockneter, papierdünner Haut, die ihm in Fetzen vom Schädel hing, spürte er wohlgeformte Wangen. Er fuhr die Konturen seines Kiefers entlang und bemerkte einen drahtigen Bart. Erstaunlich! Er hatte beinahe das Gefühl, einen Menschen zu berühren.

Beinahe.

Er drehte sich zu Sylvanas um. „Wie sehe ich aus?“ Er bemühte sich, diese Frage möglichst beiläufig klingen zu lassen. Doch das war sie natürlich nicht.

„Plötzlich so eitel, Pestrufer?“ Sie wirkte belustigt, doch in ihren Worten schwang eine gewisse Freude mit. War es Stolz darüber, der mächtigen Val'kyr ihren Willen aufgezwungen zu haben? Oder genoss sie schlichtweg den Anblick ihres neuen Spielzeugs? Sie führte ihn zu einem großen, ovalen Spiegel, der in einem prächtigen Rahmen an der Wand hing. „Seht selbst.“

Die Waldläufergeneralin von Silbermond hatte zu Lebzeiten eine gewisse Schwäche für Spiegel besessen. Und warum auch nicht? Selbst unter den Hochelfen hatte die zweite der drei Windläuferschwestern als wahre Schönheit gegolten. Unzählige Lords der edelsten Häuser hatten um ihre Hand angehalten und selbst Prinz Sonnenwanderer wurde nachgesagt, dass er sie begehrt hatte.

Doch den Toten nützte ihr Spiegelbild wenig. Es erinnerte die Verlassenen nur unnötig an ihr furchterregendes Aussehen und das faulige Fleisch an ihren Knochen, das allein schon imstande war, Mitglieder der anderen Völker in die Flucht zu schlagen. Die Untoten waren die Personifikation eines unausweichlichen Schicksals, das jedem Lebenden bevorstand. Eines Tages würden ihre Körper unter der Erde verrotten ... sofern sie nicht in den Dienst der Bansheekönigin gerufen wurden.

Dennoch hingen in Sylvanas' Hallen immer noch einige Spiegel an den Wänden. Zwar besaß sie im Tod nicht dieselbe zeitlose Eleganz wie zuvor, doch auch als Wiederauferstandene strahlte sie eine dunkle Schönheit aus, die Nathanos in ihren Bann zog. Selbst unter ihren erbittertsten Rivalen, die in den Königreichen der Lebenden gegen ihre Herrschaft wetterten, gab es Einige, die im Stillen voller Ehrfurcht von der Dunklen Fürstin sprachen. Und obwohl sie es diesen Leuten nie eingestehen würde, ergötzte sich ein längst verdrängter Teil ihrer Persönlichkeit an dieser Aufmerksamkeit.

Nathanos blickte in den Spiegel. Sein Gesicht war hager und von gelblicher Färbung, doch sein Fleisch schien unversehrt. Zum ersten Mal seit seinem Tod stand er aufrecht, anstatt wie ein Greis vornübergebeugt zu sein. Wäre da nicht das rote Glühen seiner Augen, hätte er im fahlen Licht der Unterstadt für einen Menschen durchgehen können.

Er fand Gefallen an seiner Transformation, sah jedoch keinen Grund, es Sylvanas zu zeigen. „Das sollte dem Zweck Genüge tun.“ Für einen Moment verschwand ihr Lächeln und ihre Augen blitzten wütend auf, bevor der zufriedene Blick erneut ihr Gesicht zierte.

„Im Namen Eurer Königin werdet Ihr tausend Dämonen niederstrecken!“, verkündete sie.

Er wusste, dass sie Recht hatte. Seine neugewonnene Stärke würde ihr im kommenden Krieg mehr als dienlich sein. Sollten sie siegen und ihnen das Glück wohlgesinnt sein, könnten sie danach endlich ihren wahren Tod begrüßen und gemeinsam der ewigen Verdammnis entgegentreten.

Dann wurde ihm bewusst, dass dieses Gesicht, das ihm aus dem Spiegel entgegenblickte, nicht vollends sein eigenes war. Er wandte sich zum zweiten Altar um, doch sein Cousin war verschwunden. Bis auf ein Häuflein Asche und mehrere Pfützen einer öligen Flüssigkeit war die Steinplatte leer. Die einst strahlende Rüstung des Paladins lag verschrammt auf dem Boden verstreut. Nur die Überbleibsel eines gefallenen Feindes, sagte sich Nathanos. Ein weiterer Widersacher, mehr nicht.

„Ihr tragt schon zu lange die zerfetzte Kleidung aus Eurem vergangenen Leben“, drang Sylvanas‘ Stimme an sein Ohr. Sie hatte recht. Wieso trug er noch immer dieselbe verdreckte Uniform, die er als Mann ... als Diener der Geißel getragen hatte? War ihm die Hülle seines einstigen Lebens schlicht zu egal, um sie mit einer neuen Rüstung zu schützen? Oder spendete ihm dieses Relikt der Vergangenheit etwa Trost?

Sylvanas gab jemandem hinter Nathanos ein Zeichen. Er drehte sich um und bemerkte zum ersten Mal die dunkle Waldläuferin, die in einer Ecke des Raumes postiert war. Die Bansheekönigin war nicht dumm. Wäre die Zauberformel der Val'kyr fehlgeschlagen, hätte die Bogenschützin ihn ohne größere Probleme niederstrecken können. „Anya, geleitet meinen Champion in die Waffenkammer. Seht zu, dass er eine Ausrüstung erhält, die seiner Stellung würdig ist.“

Mit einer knappen Verbeugung gab die dunkle Waldläuferin zu verstehen, dass sie verstanden hatte und bedeutete Nathanos vorauszugehen. Er nickte Sylvanas zu, als er den Raum verließ. Der Schein der Lampen umschmeichelte ihr Antlitz.

Kurze Zeit später hatten sie die Geheimgänge hinter sich gelassen und bogen in einen längeren Korridor ein, der in den äußeren Ring der Unterstadt führte. Schnell bemerkte Nathanos einen Nachteil seiner neuen Form. Ähnlich seiner anderen Fähigkeiten hatte sich auch sein Geruchssinn verbessert. Als ihnen eine Gruppe von drei Verlassenen entgegentrat, trieb ihm der Gestank des verwesenden Fleisches die Tränen in die Augen. Unmittelbar nach dem Ritual hatte er den Geruch des Todes nicht bemerkt, doch hier, inmitten tausender Untoter, war er schier übermächtig.

Nathanos nahm sich zusammen und ließ die drei passieren. Stillschweigend schwor er, sich nie wieder derart überrumpeln zu lassen.

Falls Anya seinen Anfall der Schwäche bemerkt hatte, kommentierte sie ihn nicht. Stattdessen sagte sie: „Ich habe die Dunkle Fürstin schon lange nicht mehr derart erfreut gesehen. Kaum hatte sie von den Fähigkeiten der Val'kyr erfahren, schickte sie nach Euch.“

„Unsere Königin ist weise“, sagte er zustimmend. „Mit diesem Körper werde ich ihr besser dienen können.“

Anya kicherte. Bei dem Klang lief es ihm eiskalt den Rücken herunter.

„Seid Ihr anderer Meinung?“, blaffte er. Zumindest seinen Jähzorn hatte das Ritual nicht verändert.

„Das ist es nicht“, antwortete sie mit einem Schulterzucken.

„So? Was ist es dann?!“ Er brüllte beinahe, denn die dunkle Waldläuferin war ihm eindeutig zu selbstgefällig.

Sie seufzte. „Ihr habt recht, die Königin verfügt jetzt über einen mächtigeren Champion. Doch das war nicht, was sie am meisten begehrte.“

Er blieb stehen und blickte sie an. Ihre ausweichende Antwort brachte ihn zur Weißglut. „Sagt mir, was Ihr damit meint“, befahl er mit bebender Stimme.

Ein unverschämtes Lächeln umspielte Anyas Mundwinkel. „Sylvanas widersetzte sich einem ganzen Königreich und ernannte Euch zum Waldläuferlord. Sie durchkämmte die Pestländer, um Euch von der Geißel zu befreien. Und heute befahl sie ihren wertvollsten Streitkräften, ihre eigene Kraft zugunsten Eurer Stärke aufzuopfern. Denkt nach, Pestrufer, und erklärt mir anschließend, wie jemand von Eurer Scharfsicht seine Augen dermaßen vor der Wahrheit verschließen kann.“

Sein Blick durchdrang sie wie tausend geschärfte Messer. Das selbstgefällige Grinsen wich von ihrem Gesicht. Was für eine Närrin! Seine Königin würde sich nicht mit derlei Nichtigkeiten befassen.

Er selbst ebenso wenig. Zu welchen Gefühlen sein menschliches Herz auch einst fähig gewesen sein mochte, Hass und Verachtung bestimmten jetzt sein Leben. Er war Nathanos Pestrufer, Champion der Bansheekönigin. Beim Gedanken an das Chaos, in das er ihre Feinde bald stürzen würde, wich sein Zorn einer freudigen Erwartung.

Er setzte seinen Weg fort und Anya folgte ihm, die Augen in Demut gesenkt.

Als sie das Kriegsviertel betraten, war das ferne Klirren des Stahls zu einem ohrenbetäubenden Getöse angeschwollen. Eine Gruppe neuer Rekruten wurde angewiesen, ihre Kampfkunst an den Trainingsattrappen – und dem ein oder anderen Gefangenen der Allianz – zu trainieren. Nathanos hatte bereits unzählige Stunden damit verbracht, solche Anfänger in abgebrühte Soldaten zu verwandeln. Ein Blick genügte und er wusste, dass es sich dieses Mal um eine besonders erbärmliche Truppe handelte. Grimmig entschied er sich, diesen Neulingen später noch einen Überraschungsbesuch abzustatten.

Schließlich erreichten sie den Ausstatter. Die Mauern der Kammer waren gesäumt mit hohen Rüstungs- und Waffenständern. Nathanos entschied sich für eine Mischung aus Ketten- und Lederpanzer, der ihm zwar ausreichend Schutz bot, aber leicht genug war, um seine Bewegungsfreiheit nicht einzuschränken. Er wählte grüne und graue Ausrüstungsteile, um sich sowohl im Wald als auch im Schatten gut verbergen zu können.

Gerade, als er den Raum verlassen wollte, erregte das Blitzen eines Stücks Metall seine Aufmerksamkeit. Zwischen den unzähligen Rüstungsteilen eines besonders überladenen Ständers entdeckte er einen kunstvoll gearbeiteten Brustpanzer, in dem sich das Licht der Lampen widerspiegelte. Er dachte erneut an das Ritual und an den leeren Altar neben ihm. An eine getroffene Entscheidung.

Einen Lidschlag lang empfand er ein wahrhaft fremdartiges Gefühl. Ein Gefühl, das er seit seinem Tod nicht mehr verspürt hatte. Es war eine Schwäche der Lebenden, die ihn unmerklich verfolgt und nun schlussendlich eingeholt hatte.

Nathanos empfand Bedauern.

Andi

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Bigshiks - Mitglied
Was genau hat es eigentlich mit den windrunner-Schwestern und Menschen auf sich? Aleria hat turalion, vereesa hatte rhonin und sylvanas hat nun nathanos... Die scheinen wohl nicht auf elfen zu stehen 
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